Episode 2

HUNGERSNOT

Christelle Wick

Weltweit spielte das Wetter in den Jahren 1816 und 1817 verrückt, mit einem Kälte-einbruch um 2.5 Grad und Dauerregen. Der Färber Gerig aus Ebnat schreibt später in seinen Lebens-erinnerungen, es habe im Sommer derart heftig geschneit, dass man die Heuschober unter der Schneedecke suchen musste. Das Heu trocknete nicht, und die Ernte blieb auch im benachbarten Süd-deutschland aus, von woher die Ostschweiz jeweils Getreide importierte. Die Preise auf dem Lichten-steiger Markt waren deshalb bis Mai 1817, dem zweiten Jahr der «Grossen Teuerung», auf das Fünffache von 1815 angestiegen! Das landlose Toggenburger Textilproletariat, das sich im 18. Jahrhundert nach Einführung der Baumwoll-verarbeitung herausgebildet hatte, litt besonders. Denn der Export von Baumwoll-waren stockte bereits, da um 1800 billiges Fabrikgarn aus England die Handspinnerei verdrängt hatte. Heiss-hungrig stürzten sich die Hungernden nun auf alles Essbare: Pferdekadaver, verdorbenes Blut, Hunde und Katzen. Wer kräftig genug war, ging betteln oder suchte Schnecken und essbare Kräuter in der Natur.

Wiederholt wird von Menschen berichtet, die den Tieren gleich auf den Wiesen grasten.

Die Ursache für das «Jahr ohne Sommer» kannten die Betroffenen nicht: Am 10. April 1815 explodierte auf der anderen Seite der Erdkugel der indonesische Vulkan Tambora mit gewaltiger Wucht. Dabei gelangten kleinste Partikel in die Atmosphäre, die das Sonnenlicht reflektierten, sodass die Erdoberfläche abkühlte. In Unkenntnis deuteten die Hungernden das sintflutartige Wetter als Strafe Gottes für sündige Lebensführung. Religiöse Fanatiker wie die baltische Baronin Juliane von Krüdener hatten Hochkonjunktur. Sie erregte viel Aufsehen, als sie von Basel an den Bodensee reiste und dabei die Ankunft des Jüngsten Gerichts predigte. Im Toggenburg war sie allerdings nie: Die St. Galler Behörden fürchteten die hungrigen Massen und verweigerten der selbst-ernannten Wanderpredigerin 1817 das Betreten des Kantonsgebiets. Der
St. Galler Gelehrte und Pfarrer Peter Scheitlin traf die seiner Meinung nach ein-fältige und abergläubische Seelenfängerin tatsächlich in Arbon. Im jungen Kanton St. Gallen fehlten auf dem Land Strukturen zur Unterstützung von Armen. Während der Hungernot förderte die Regierung die Bildung von Hilfsgesellschaften, welche eine günstige Suppe an Arme ausgeben sollten.

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2 Rationenkübel.JPG

Bildlegende:

Hungertafel,
Der Tod lauert überall

Bildlegende:

Der Libinger Rationenkübel

für die Armensuppe

Das Amtsblatt des Kantons hatte bereits 1803 das Rezept der sogenannten Rumfordsuppe publiziert, einem sättigenden Brei aus Gerste, Erbsen und Kartoffeln. Dennoch war die Bilanz erschreckend: 3000 von insgesamt 8000 Hungertoten im Kanton fielen auf das Toggenburg, «Spitzenreiter» unter den Gemeinden war Libingen, wo alleine im zweiten Hungerjahr 1817 jeder sechste Bewohner starb. Als Wunsch steht denn auch «Erlöse uns von dem Übel» auf dem Libinger Schöpfkübel der Armensuppe geschrieben, der sich heute in der Sammlung des Toggenburger Museums befindet. Mit der Ankunft des ersten Kornschiffs am Rorschacher Hafen ging dieser Wunsch im August 1817 auch in Erfüllung. Die letzte Hungersnot der Schweiz war vorüber. Dank Einführung der Kartoffel als Grundnahrungsmittel sollte es zu keiner derart schlimmen Not mehr kommen. Spruchbilder, welche die Bauern in ihre Stuben hängten, hielten das Andenken an diese Schreckenszeit jedoch noch lange im kollektiven Gedächtnis wach.