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Hausiertrucke

Christelle Wick

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Die blinde Hausiererin Ursula Grob vom Bendel, Postkarte um 1910.

Wanderhändler gehörten früher wie die Bauern, Heimarbeiter oder Handwerker zur ländlichen Wirtschaft. Wer nichts hatte und nichts konnte, buckelte Waren von Hof zu Hof: Brot und Würste in der «Chrääze», Pfannen und Stoffe auf dem «Reff», Kurzwaren in der schweren Hausiertrucke. Aus dieser holte der Wanderhändler lauter kleine Luxusgüter hervor. Was für eine Augenweide war das in der Bauernstube: Kämme, Spiegel und Spitzenborten, aber auch Schuhbändel, Faden und Schreibzeug, sowie praktische Dinge wie Mottenschutzmittel und Mausefallen oder den für die Bauern wichtigen Appenzeller Kalender. Wenn die Hausierenden auf ihren Touren die abgelegenen Höfe besuchten, wurden sie von den Bäuerinnen und Bauern als eine willkommene Abwechslung empfangen. Bei einem Gläschen «Pranz» (Schnaps) oder einer Mahlzeit berichteten sie über Ereignisse in der Umgebung und gaben Episoden von ihren Reisen zum Besten.

Mit der industriellen Produktion Mitte des 19. Jahrhunderts änderte sich der Beruf. In den Städten entstanden luxuriöse Kaufhäuser, auf dem Land Tante-Emma-Läden mit einem grossen Angebot an Massenware. An die Stelle des Hausierers trat der Handelsreisende, der ein qualitativ hochstehendes Sortiment einer einzelnen Firma auf Provision vertrieb. Er reiste mit der Eisenbahn in die Dörfer und ging dann von Tür zu Tür. Die traditionellen Hausierenden wurden in immer entlegenere Gebiete zurückgedrängt - sie galten nun als Überrest eines nutzlos gewordenen Brauchtums - und ihre Tätigkeit wurde ab den 1880er Jahren zunehmend reglementiert. Manch Alter oder Behinderter, der keine Fabrikarbeit mehr fand, schlug sich kärglich als Hausierender durch. Frauen, insbesondere Witwen, waren besonders betroffen. Hausierende wurden zunehmend mit Bettlern gleichgesetzt. An immer mehr Haustüren hing nun das Schild «Betteln und hausieren verboten». Nationalratspräsident Simon Kaiser nannte 1883 die Hausierer gar eine «Landplage», die er am liebsten mit «amerikanischem Insektenpulver» vertreiben würde.

3000 Hausierpatente gab der Kanton St. Gallen zwischen 1883 und 1885 aus. Mehr als die Hälfte ging an Ausländer aus Deutschland, Österreich und Italien. Einheimische duften aber mit selbstgefertigten Waren auch ohne Patent hausieren gehen. Als die Toggenburger Bauernmalerin Babeli Giezendanner nach dem Tod ihres Mannes plötzlich auf sich gestellt war, ging sie mit ihren Lithografien und selbstgemalten Senntumsbildern barfuss von Hof zu Hof. Es wird erzählt, dass sie auch mal eines der heute kostbaren Bildchen verloren haben soll. Da es noch keine Altersvorsorge gab – die AHV wurde erst 1948 eingeführt – waren viele Alte mit «Chrääzen» unterwegs. Der Eintritt in die zumeist desolaten Armenhäuser war mit Scham behaftet und war der letzte Ausweg. Mit seinen 86 Jahren galt der «Bote Goriss» von Hemberg 1901 als ältester Hausierer des Kantons. Der intelligente Mann aus der Unterschicht schrieb sein Leben in einem Notizheft nieder, das sich heute im Archiv des Toggenburger Museums befindet. Der Obertoggenburger Hausierer Jakob Geiger bat den Grossen Rat gar 1880 in einer Petition, das Mindestalter für Hausierende auf 70 Jahre festzulegen. Mit dem Ausbau des Strassennetzes und der Altersvorsorge Mitte des 20. Jahrhunderts verschwand das Hausierwesen ganz.