Episode 9

WINTER-

SPORT

Christelle Wick

Nach dem Tod ihres Ehemannes reiste die niederländische Königin Wilhelmina mit ihrer Tochter, Kronprinzessin Juliana, 1934 für vier Wochen zur Erholung nach Unterwasser. Sie nächtigten im Hotel «Sternen», von wo die Königin Kutschenfahrten unternahm, während Kronprinzessin Juliana bei Lehrer Anderegg das Skifahren erlernte. Die Iltiosbahn war gerade eröffnet worden, und nur drei Jahre später sollte die Schlittenseilbahn Wildhaus-Oberdorf folgen. Der Aufenthalt gefiel den beiden derart, dass sie im darauffolgenden Winter wiederkamen. Der Werbeeffekt für das Toggenburg war enorm.

Voraussetzung für die touristische Erschliessung des Obertoggenburgs war 1870 die Eröffnung der Toggenburgerbahn von Wil nach Ebnat, von wo es per Postkutsche zu den Naturschönheiten des Alpsteins ging.

Nach der Buntwebereikrise von 1876/1877 war man froh, dass der Schweizerische Alpenclub mit dem Bau von Wanderwegen auf den Säntis und den Speer den Sommertourismus ankurbelte. Ein Wintertourismus entstand erst 1903, als in Stein die ersten Einheimischen im Mondschein heimlich das Skifahren übten. Schreinermeister Ulrich Forrer hatte dafür die ersten Skier hergestellt. Schnell verbreitete sich das winterliche Vergnügen unter Bauern und den Schulkindern, und so fertigte Forrer fortan in seiner «Ski- und Sportfabrik» Bretter der Marke «Säntis». Konkurrenz hatte er einzig von Wagner Eduard Sutter, der ab 1906 in Alt St. Johann Holzskier der Marke «Toggenburg» produzierte, die im Toggenburger Museum bewundert werden können. Auch entstand eine spezielle Skimode. Denn zu Beginn standen die Frauen mit langen Wollröcken auf den Brettern, durften aber bald emanzipatorisch wie die Männer breite Knickerbockerhosen tragen. Schlanke Steghosen mit Fersenband kamen erst in den 1930er Jahren zusammen mit der Verbreitung dehnbarer, synthetischer Garne auf.

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Bildlegende: Werbeplakat für Helanca-Skihosen

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Das gekräuselte Polyamid-Filamentgarn «Helanca» der Wattwiler Textilfirma Heberlein war ein absoluter Hit. Ab 1951 wurde es in immer grösserer Menge produziert, in Spitzenzeiten entstand täglich ein Kunstfaden, der zweimal auf den Mond und zurück gereicht hätte. Man sprach nun vom Toggenburg als «Helanca-Tal». Über hundert Lizenznehmer verbreiteten die Marke in alle Welt. Strümpfe, Socken, Badehosen oder eben Skihosen mit der unverwüstlichen Bügelfalte entstanden aus dem dehnbaren Material.

Dank der Entstehung der Wintersportorte brachte das Toggenburg auch bekannte Skifahrerinnen und Skifahrer hervor. In den 1940er Jahren feierten Grössen wie Karl Schlumpf, Alfred Kleger oder Niklaus Stump Siege. Bekannt sind heute noch der «Vogelmensch» Walter Steiner mit einer Silbermedaille im Skispringen 1972 an den Olympischen Winterspielen in Sapporo, ebenso Skirennfahrerin Maria Walliser mit einer Silbermedaille 1984 in Sarajevo und natürlich der Skispringer und vierfache Olympiasieger Simon Ammann.

 

Bildlegende: Skispitze der Marke Säntis