Episode 5

JOHANNES

SELUNER

Christelle Wick

Es ist die Geschichte eines Gehör- und Spachlosen, der im Herbst 1844 als ungefähr 15jähriger von einem Geisshüter auf der Seluner Alp verwildert aufgefunden, ins Tal gebracht und den Behörden übergeben wurde. Sein Leben verbrachte er fortan im Armenhaus

Alt St. Johann und später

bis zu seinem Tod 1898 im Armenhaus Nesslau. Selbst-zeugnisse fehlen, auch die Anstaltseltern überlieferten nichts. An was er nebst der Gehörlosigkeit litt, wissen wir nicht, denn an eine Förderung des «Idioten», wie er genannt wurde, dachte damals niemand.

Nach seiner Entdeckung sollte ein Steckbrief seine Herkunft klären, jedoch gingen keinerlei Hinweise ein. So zahlte der Kanton

das Kostgeld für den Findling an das Armenhaus Alt St. Johann. Für den Zahlungsverkehr erhielt der Jüngling einen Namen: Johannes nach dem Namenspatron des Dorfes und Seluner nach seinem Fundort.

Als mit der Bundesverfassung von 1848 auch Findelkinder ein Bürgerrecht erhalten sollten, wies ihn der Kanton der Gemeinde Nesslau zu. 1854 wurde er ins Armenhaus Nesslau überstellt. Die Anstaltsregeln waren dort strikt, das Essen karg. Gestraft wurde mit Essensentzug und der Rute. Fluchtwillige kettete man damals wochenlang an den «Totz», einen schweren Holzklotz. Jedoch soll Johannes Seluner still und zurückgezogen in seiner Zelle gelebt und die Hausordnung respektiert haben. Ein Foto im Besitz des Toggenburger Museums zeigt ihn um 1890 als feingliedrigen, liebenswürdig lächelnden Greis im Gras sitzend, direkt in die Kamera blickend. Sein Haar ist weiss, der Bart gepflegt, Schalk spricht aus seinen Augen.

Wild spekuliert wurde weiterhin über seine Herkunft: War er ein aus-gesetzter Armeleutebub, der Sohn eines umherziehenden Kesselflickers oder deuteten seine feingliedrigen Hände gar auf eine adelige Herkunft? Nach seinem Tod wurden die Spekulationen noch fantastischer. Er sei ein behaartes «Wolfskind» gewesen, ein Tiermensch, kräftig wie ein Stier, und auf der Seluner Alp habe er Milch gestohlen.

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Bildlegende:

Einzig erhaltenes Foto von Johannes Seluner

Gerüchte, die sich mit angeblichen Beobachtungen von Zeitzeugen vermischten, und so wurden aus Nacherzählungen regelrechte Sagen, die sich bis heute halten.

Auch über seinen Tod hinaus fand Johannes Seluner keine Ruhe. Mit der archäologischen Erforschung des Wildenmannlislochs durch Emil Bächler in den Jahren 1923-1926 kam die Mär auf, auch der Findling hätte in der Höhle gehaust. Ein Zuzwiler Landarzt, fasziniert von den Ideen der Rassenhygiene, wollte anhand des Skeletts einen wissenschaftlichen Zusammenhang zwischen den Neandertalern und an Kropf erkrankten Gehörlosen nachweisen. Im Direktor des Anthropologischen Instituts der Universität Zürich fand er einen Gleichgesinnten, und so wurde das Skelett von Johannes Seluner 1926 ausgegraben und jeder Knochen minutiös ausgemessen. Die Untersuchung war ein wissenschaftlicher Flop, seither schlummert aber das Skelett des Findlings, der sich zeitlebens gegen die Verfügungen der Behörden und gegen Zuschreibungen nicht wehren konnte, immer noch in einer Kiste des Anthropologischen Instituts.