Episode 7

JOST BÜRGI

Christelle Wick

Ohne Jost Bürgi hätte der Seefahrer James Cook Hawaii nicht entdeckt, die Mondlandung hätte nicht stattgefunden, es gäbe kein GPS und Maturanden müssten keine Logarithmen rechnen. Jost Bürgi, 1552 in Lichtensteig geboren, war ein regelrechtes Universalgenie, das es bis an den Kaiserhof nach Prag brachte. Er war Uhrmacher, Mathematiker und Astronom zugleich. Durch seine Erfindung der Logarithmen – die Umkehroperation des Potenzierens – konnte er für den berühmten Astronomen Johannes Kepler am Prager Hof Berechnungen mit grossen Zahlen ausführen und so beweisen, dass die Erde elliptisch um die Sonne kreist. Dies war nicht ungefährlich, denn die katholische Kirche setzte Werke im Widerspruch mit der Bibel wie jenes von Galileo Galilei auf den Index der verbotenen Bücher. Und wer nicht aufpasste, konnte wie Johannes Keplers Mutter gar der Hexerei bezichtigt werden.

Die richtige Religion zu haben, war für eine Karriere im Toggenburg wichtig, ein Untertanengebiet der katholischen Fürstabtei St. Gallen. Aufgrund konfessioneller Wirren lernte der reformierte Jost Bürgi in der Stadtschule Lichtensteig nur grundlegend Lesen und Rechnen. Das Studium der Wissenschaftssprache Latein blieb ihm verwehrt, was ihn zeitlebens am Publizieren hinderte. Wahrscheinlich erlernte er das Handwerk des Schlossers bei seinem Vater und später das Silberschmiedehandwerk im Städtchen. Wohl wegen mangelnder Entfaltungsmöglichkeiten ging der Reformierte in die Ferne. Mit 27 Jahren stellte ihn Landgraf Wilhelm IV. von Hessen-Kassel als Hofuhrmacher an. Dort studierte er über viele Jahre hinweg an der ersten Sternwarte nördlich der Alpen die Bewegungen der Gestirne. Zur exakten Berechnung der Position von Himmelskörpern baute er die erste Sekundenuhr weltweit, zudem weitere Instrumente der angewandten Mathematik. Seine Himmelsgloben mit Uhrwerken sind kleine, barocke Wunderwerke, die den Adeligen jederzeit die Bewegungen der Himmelskörper am Firmament demonstrierten. Aufgrund seiner Verdienste berief ihn Kaiser Rudolf II. gar im Jahre 1604 als Hof- und Kammeruhrmacher an den kaiserlichen Hof nach Prag, wo er dem Astronomen Johannes Kepler als Rechenmeister diente.

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Bildlegende:

Berechnung der Schussdistanz von Kanonenkugeln mit dem Triangularinstrument

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Bildlegende:

Kompass aus dem

18. Jahrhundert

Jost Bürgi jedoch verriet jedoch niemandem, wie seine Instrumente funktionierten oder gar wie mit astronomisch grossen Zahlen zu rechnen war. Er nahm seine Geheimnisse mit ins Grab. Wohl hatte er Angst vor Nachahmern. Es war sein Ziehsohn Benjamin Bramer, der nach seinem Tod zwei Anleitungen publizierte: eine zum Bürgischen Proportionalzirkel, eine Art barocker Taschenrechner, die andere zum Triangularinstrument für trigonometrische Berechnungen von Distanzen. Schon damals gab es aber Wirtschaftsspionage: Der britische Mathematiker John Dee, der Grossbritannien zu einer Seefahrernation und Kolonialmacht machen wollte, gelangte zu Bürgis Berechnungsmethode. Er weihte wiederum den englischen Mathematiker Henry Briggs ein, der 1633 dank Bürgis Verfahren ein Meisterwerk mit bis zu 19stelligen Logarithmen auf der Basis der Zahl Zehn publizierte. Für die Seefahrer waren diese Logarithmentafeln zur Positionsberechnung unentbehrlich, um Land zu finden und Gebiete einzunehmen, so auch für James Cook und die englische Krone.

 

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