Episode 4

KAISER-

MANÖVER

Christelle Wick

Nichts ahnend, dass zwei Jahre später der Erste Weltkrieg mit seinem sinnlosen Gemetzel beginnen würde, empfing die Schweiz den deutschen Kaiser Wilhelm II. im Jahre 1912 in einem spektakulären Staatsakt. Der mächtige Monarch hatte sich beim Bundesrat selbst eingeladen, um an den Herbstmanövern der Schweizer Armee beiwohnen zu dürfen. Diese fanden am 4. und 5. September in Kirchberg und Wil statt, wobei die fünfte und sechste Division - insgesamt 24’000 Militärangehörige mit fast 6'000 Pferden – Truppenbewegungen übten, Schützengräben erstellten und Gefechte simulierten.

Über die Reisestationen des Kaisers berichtete die inländische Presse schon Wochen vorher ausführlich. Geschäfte warben mit Inseraten für Feldstecher, Marschstiefel und Sonntagskleider. Jeder wollte den Kaiser sehen. 100'000 schaulustige «Schlachtenbummler» reisten in Extrazügen zu den Manövern, darunter auch einer von Ebnat nach Bazenheid. Denn Kaiser Wilhelm II. nutzte wie heutige Popstars die Medien gezielt, um seine Popularität zu steigern: Überall liess er sich filmen, und die Postkartenindustrie schuf zuhauf Erinnerungsbilder, von denen auch das Toggenburger Museum einige besitzt.

Im Gegensatz zur ausländischen Presse beschränkten sich die Deutschschweizer Blätter naiv auf die äusseren Ereignisse: Ankunft am Bahnhof Wil und Weiterreise mit dem Automobil zum Häuslig bei Kirchberg, Besichtigung einzelner Stellungen, Rundfahrt über Dietschwil - Fischingen - Gähwil, Beobachtung weiterer Manöver und Lunch in der Kartause Ittingen. Die Presse lobte, wie sich der Kaiser stets betont ungezwungen gab.

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Menükarte zum Manöver-frühstück auf dem Wiler Hofberg

Zweiter Tag: Reise zu den Manövern auf dem Hofberg bei Wil, Beobachtung militärischer Übungen, Abschluss mit einem opulenten «Manöverfrühstück» in einem Zelt. Den Schlussakt bildete ein Festbankett im Bundeshaus in Bern. In seiner Rede hob Kaiser Wilhelm II. die Schlagkraft der Schweizer Armee hervor, Bundespräsident Ludwig Forrer die wirtschaftlichen und freundschaftlichen Beziehungen als auch den Willen, die Schweizer Neutralität zu verteidigen. Kaiser Wilhelm II. nahm dies mit Genugtuung zur Kenntnis.

Seine weltgeschichtliche Bedeutung erhielt der Kaiserbesuch im Nachhinein. Denn die deutsche Kriegsplanung war bei einem Angriff Frankreichs im Norden auf den «Flankenschutz» der Schweiz, die Verteidigung seiner Neutralität, angewiesen. Dessen versicherte sich Kaiser Wilhelm II. bei seinem Besuch vor Ort. Die günstige Beurteilung bewirkte denn auch, dass die Schweiz im Ersten Weltkrieg weitgehend von grossen Operationen an der Schweizer Grenze verschont bleiben sollte.

 

 

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Dragoner Helm