Episode 8

TYRANNEN-

MORD

Bruno Wickli

Das Opfer starb noch am Tatort und wurde fortan auf katholischer Seite als Märtyrer verehrt.

Die gut organisierte Täterschaft blieb einige Jahre im Dunkeln. Zwar mussten die Tyrannenmörder, die Mitverantwortlichen und etliche Mitwisserinnen hinnehmen, wie vor ihren Augen das Kloster Neu St. Johann erbaut wurde, doch blieben sie vorerst unversehrt und verdienten noch gutes Geld am Bau. Im Sommer 1629, just nach Einweihung des neuen Klosters, flogen die Beteiligten auf und wurden bald verhaftet, verurteilt und manche hingerichtet. Verraten worden waren sie von benachteiligten Frauen aus den eigenen Reihen, die unter sexuellen Übergriffen dieser «Honoratioren» gelitten hatten. Die Mägde wagten die Denunziation, obwohl sie nur verlieren konnten. Bei Anna Giezendanner, einst in Klaus Wicklis Vaters Diensten, «bedankte» sich die Obrigkeit, indem man sie nackt durch Lichtensteigs Hauptgasse trieb, an den Pranger stellte und des Landes verwies.

Seit der Reformation prägten konfessionelle Konflikte das Leben im oberen Toggenburg. Die Fürstäbte von St. Gallen, Landesherren seit 1468, dezimierten die Toggenburger Freiheiten und liessen nichts un-versucht, alle ihre Untertanen katholisch zu machen. Doch waren die Leute im Ober-toggenburg mehrheitlich fest im reformierten Glauben verwurzelt, selbstbewusst und dank Viehwirtschaft und Gewerbe wohlhabend geworden. Manche Familien zeigten dies mit edlen, farbigen Scheiben, wie sie an den Fenstern des Toggenburger Museums zu bewundern sind.

Opfer war Hans Ledergerw, vom Abt eingesetzter und mit Vollzugsgewalt versehener Statthalter zu

St. Johann im Thurtal. Ein von Klaus Wickli aus dem Hinterhalt abgefeuerter Gewehrschuss beendete

das Leben des lokalen «Tyrannen» auf dessen Ritt nach Alt St. Johann.

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Bildlegende:

Allianzscheibe des Verschwörers Josef Scherrer

Die Geschichten über ein ausschweifendes Sexleben der Verschwörer und Attentäter waren ein gefundenes Fressen für die katholische Obrigkeit. So fiel es leicht, die Verurteilten als gewalttätige, gott- und gesetzlose Gesellen zu verunglimpfen und die Repression gegen die reformierte Bevölkerung zu rechtfertigen. Erst im 18. Jahrhundert entspannte sich die Situation, und 1798 nahm die fürstäbtische Herrschaft im Toggenburg ein Ende.

 

Noch bevor ein französisches Heer eintraf, hatte das Toggenburg seine eigene Revolution, mit «türkischer Musik» und Freiheitsbäumen. Ein schönes Bild vom Uelisbacher Freiheitsbaum vermittelt im Toggenburger Museum noch heute den revolutionären Geist. Die konfessionellen Streitereien gingen allerdings weiter und sollten Politik und Alltag im Tal noch lange prägen, nämlich bis über den Zweiten Weltkrieg hinaus.